Donnerstag, 23. Mai 2013
Gregor
All die vielen Zeilen, die sie dir schrieb und niemals gab.
Jetzt liegst du ganz still, so starr, in deinem Sarg.
Natürlich fragt sie nach dem Sinn.
Wo geht es nach dem Tod nur hin?
Sie glaubt nicht an Gott; sie weiß auch nichts vom Paradies.
Doch sie hofft, es geht dir gut und dass du lächelst,
Immer dann, wenn du sie siehst.

Es ist so lange her, beinah achtzehn Jahr‘ -
Achtzehn Jahre, als sie dich das letzte Mal sah.

Ein Mensch der andere Leben schützt und selber seines lässt.
Das Schicksal macht mit uns so manch makabres Geschäft.

Ist es nicht seltsam?

Sie meinen, dass sie dich vergisst;
Dass sie kaum noch weiß, wer du bist;
Dass sie dich kaum noch kennt.
Das ist nicht wahr.
Der Schmerz in ihr ist noch präsent.
Nicht immer, aber er ist da.
Immer zur gleichen Zeit.
Jahr für Jahr.

Ein Wort des Abschieds gab es nie.
Du warst schon weg, als sie kam.
Du warst schon weg.
Du hattest nichts gesagt.

Bist du enttäuscht gewesen?
Sie hatte dir doch vorgelesen.
Dabei war sie erst vier, als sie neben dir saß.
Sie wusste selbst noch nicht, was sie da las.
Dein Lächeln, so schwach, aber es war zu sehen.
Sollte das heißen, du wolltest gehen?
Du hattest nichts gesagt.

Als Kind dachte sie, sie könnte dich sehen.
Irgendwo da oben, zwischen den Wolken und dem Blau.
Sie hoffte, es würde dir dort besser gehen.
Sie dachte, sie konnte dich lächeln sehen,
So wie sie es von dir kannte als gutmütige Frau.

Aber ist es denn wirklich so?
Geht es dir besser in diesem Irgendwo?
Du hast nie etwas gesagt.

Wo auch immer du jetzt bist;
Hörst du das? Sie gibt dich frei.
Sie wird dich nicht vergessen.
Doch die Zeit der Trauer ist vorbei.